Abschied vom Silber-Euro
Wie es kam, daß Deutschland sein
letztes Hartgeld verlor
Von Bruno Bandulet

Ein Investment, das man uneingeschränkt empfehlen kann, ist eigentlich zu gut, um wahr zu sein. Und doch gab es das ein paar Jahre lang und noch dazu dank Beschluß des Bundesfinanzministers, der ansonsten eher dazu neigt, den Leuten in die Tasche zu greifen. Die Rede ist von der 10-Euro-Münze in Silber.

Sie wurde ab 2002 mit einem Gewicht von 18 Gramm und einem Feingehalt von 925/1000 ausgegeben und war bei den Filialen der Deutschen Bundesbank, bei vielen Sparkassen und bei manchen Banken zu bekommen. Es dauerte Jahre, bis ein breiteres Publikum die Vorzüge der Münze entdeckte: Sie kursierte als offizielles Zahlungsmittel in Deutschland (nicht im Rest der Euro-Zone), war damit das letzte deutsche Hartgeld – und quasi mitgeliefert wurde ein Put und damit eine Absicherung gegen einen fallenden Silberpreis.

Solange der Silberwert der Münze unter dem Nennwert von 10 Euro lag, konnte man – weil sie gesetzliches Zahlungsmittel war – notfalls damit zahlen oder sie jederzeit gegen einen 10-Euro-Schein der Bundesbank eintauschen. Stiegen aber die Silberpreise, wurde es sinnlos, die Münze in ungedecktes Geld zu wechseln. Der Besitzer profitierte uneingeschränkt vom höheren Edelmetallpreis.

Im September 2010 begriff der Finanzminister, daß er sich selbst eine Falle gestellt hatte. Damals war der Wert des in der Münze verarbeiteten Silbers (etwas mehr als eine halbe Unze) auf 8 Euro vorgerückt. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis die Ausgabe des guten Stücks zum Verlustgeschäft für den Fiskus werden würde und die aus haushaltsrechtlichen Gründen zwingende Kostendeckung nicht mehr möglich war. Schäuble zog die Notbremse, reduzierte das Gewicht von 18 auf 16 Gramm und den Silberanteil der Legierung von 925 auf 625. Eine Münzverschlechterung also, wie sie seit dem Niedergang des Römischen Reiches üblich wurde. Immer wieder verkleinerte der Staat die Gold- und Silbermünzen und mischte billigere Metalle bei.

Die Münzen, die im Herbst 2010 herauskamen, sollten das vorerst letzte, unveränderte, solide deutsche Hartgeld sein. Seitdem kletterte der Silberpreis höher und höher, allein 2010 um 80%. Am Ostermontag wurde die historische Marke von 50 Dollar je Unze, der Rekordpreis des Januar 1980, in New York bis auf wenige Cents fast touchiert.

Da hatte Schäuble bereits verfügt, die 10-Euro-Münze in der Qualität „Normalprägung“ künftig nur noch aus Kupfer und Nickel herzustellen und sie weiterhin zum Nennwert von 10 Euro in den Verkehr zu bringen. Lediglich in der Qualität „Spiegelglanz“ wird die Legierung noch 625 Teile Silber (und 375 Teile Kupfer) enthalten. Verkauft werden diese höherwertigen Prägungen über Nennwert, je nach dem aktuellen Silberpreis zuzüglich eines Aufschlages von 10 Euro plus Mehrwertsteuer. Der Mindestpreis wird 15 Euro betragen. Damit ist die Prägung „Spiegelglanz“ allenfalls noch für Sammler interessant, nicht jedoch als Alternative zum maroden Euro-Papiergeld, das in Wirklichkeit aus Baumwolle fabriziert wird. Und die Münze aus Kupfer und Nickel dürfte künftig nicht einmal mehr für Sammler attraktiv sein. Damit hat Deutschland sein letztes nationales Hartgeld verloren – eine für den Finanzminister peinliche Affäre.

Seriös wäre es gewesen, den Nennwert des Silbergeldes heraufzusetzen und damit den Euro „abzuwerten“ oder aber die Prägung auszusetzen und auf tiefere, kostendeckende Silberpreise zu warten. Im Vergleich zum Gold ist Silber ein notorisch volatiles Edelmetall. Von Januar 1980 bis Februar 1991 sackte der Dollarpreis um 93% ab – und im Zuge der Finanzkrise 2008 um gut 60%. In Rezessionen, Depressionen und Deflationen ist Silber seit mehr als hundert Jahren eine miserable Anlage.

Selbst intime Kenner des Silbermarktes haben bisher keine zufriedenstellende Erklärung für die Preisexplosion der letzten Monate. Einmal ist von einem russischen Milliardär die Rede, der Silber aufkauft, ein andermal von irgendwelchen Syndikaten oder auch von den Chinesen. Fest steht nur, daß der Silberpreis relativ leicht bewegt und manipuliert werden kann, weil der Markt sehr klein ist im Vergleich zum Goldmarkt. Das werden die Käufer schon noch herausfinden, sobald sie Kasse machen wollen. Dann ist Silber absturzgefährdet. Ich vermute, daß die Preisspitze auf das 2. Quartal fällt und daß Silber später wieder billiger zu haben ist.

(Der Beitrag erschien zuerst – mit unwesentlichen Ergänzungen – in der Berliner Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT vom 6. Mai 2011.)